Der Gedanke, dass Maschinen denken könnten, ist so alt wie die Philosophie selbst – von Aristoteles über Descartes bis zu Turing und der Dartmouth-Konferenz. Immer wieder berührt die Faszination für künstliche Intelligenz zentrale Fragen des Menschseins: das Verhältnis von Verstand, Bewusstsein und Kontrolle, die Bedeutung von Liebe und Freiheit.
Seit dem Aufkommen von ChatGPT 2022 stehen die Möglichkeiten und Grenzen solcher Systeme im Mittelpunkt der öffentlichen Debatte. Umso spannender ist es, einen Roman zu lesen, der vor diesem technologischen Sprung, 2021, erschienen ist. Kazuo Ishiguro, mit dem Booker Prize und dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet, entwirft in Klara and the Sun eine Zukunft, in der sogenannte “Artificial Friends” Kindern zur Seite gestellt werden – als Begleiter gegen die Einsamkeit.
Im Zentrum steht Klara, die AF der kranken Josie. Ihre präzise Beobachtung und zugleich naiv poetische Erklärung der Welt enthüllen in behutsamer und doch unbeeindruckter Sprache die Menschen und eine Gesellschaft, in der soziale Unterschiede, Angst und Verlust die Lebenswirklichkeit prägen.
Klaras Begleiten der kranken Josie, die Familiendynamik und nicht zuletzt das Ende des Buches sind eine berührende Reflexion über Menschlichkeit, Liebe, Einsamkeit und die Frage, was Bewusstsein eigentlich ausmacht – und wie wir daher mit künstlichen Intelligenzen umgehen wollen.
Klara and the Sun ist kein Technikthriller, keine dystopische Warnung und keine Science-Fiction voller Spektakel. Es ist ein stiller, poetischer Roman über Mitgefühl, Einsamkeit und die Frage, was uns menschlich macht – und ob Maschinen eines Tages daran teilhaben könnten. Ishiguro gelingt damit eine tief bewegende Parabel über Bewusstsein und Zuneigung, die lange nachhallt. Gerade heute ein Buch, das lesenswert ist!